s Climax (2018) Review - Fantasy FilmFest Mobil
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Reviews Climax

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Reviewer

Christian * 10.0

Schwerste Körperverletzung

Soll man nun Gaspar Noé dankbar sein, dass er das Kino um eine meisterhafte Horrortanzorgie bereichert, oder muss man ihn anschreien für seinen widerwärtigen grenzüberschreitenden Albtrip in die dunkelste Ecke unserer Phantasie? Anyway, Noé is back!

Ein Film über eine Tanztruppe, die nach der Probe ordentlich feiern will. Man stellt sie uns in kurzen Interviewschnipseln vor und dann geht die Party auch schon los. Partyjabbering vom feinsten. Wir erfahren, wer mit wem vögeln will, den dicksten Pimmel hat und welche Sexpraktiken bevorzugt oder noch nie ausprobiert wurden… Es gibt reichlich Sangria und der DJ hat seine Hausaufgaben gemacht. Unsere Mütter haben uns immer gewarnt: Lasst euch nichts in den Drink mischen…

Hier beginnt nun der Trip, den jeder selbst erfahren muss. Die Kombination aus Musik, Tanz, Choreografie, langen Kamerafahrten, schnellem Schnitt treibt uns und saugt uns unter die Tanzglocke. All unsere Sinne werden Teil des Geschehens. Die Musik beschreibt unsere Gefühle mit „Born to be Alive“, „Pump up the Volume“, „Utopia“ oder „French Kiss“, die Tänzer beschreiben sie ekstatisch und die Kamera und das Licht fangen es so sinnlich und perfekt ein, dass wir erleben und spüren dürfen, was hier passiert, aber uns auch der Veränderung nicht mehr entziehen können. Nicht jeder Rausch ist ein guter Rausch. Wir kommen nicht mehr raus, wir erleben Schmerzen, werden verprügelt und dennoch bleibt es schweisstreibend, grenzüberschreitend und erotisch. So wie die Musik von Soft Cell oder der Rolling Stones jeweils auf eigene Art nicht mehr dieselbe ist, sind wir es auch nicht mehr…

Aufgrund aller bekannten Noéschen Spielereien mit Vor- und Abspännen trifft er uns zum Schluss noch einmal mitten ins Mark, wenn er uns von einer Sekunde auf die andere in unsere Welt entlässt. Ich kann nicht mal sagen, ob ich stärker unter Dreh- oder Schwankschwindel den Saal verlassen habe. In jedem Fall gelingt es diesem wahnsinnigen Regisseur mich zu überraschen, zu begeistern, zu elektrisieren, aufzuwühlen, zu verunsichern, anzuwidern und letztlich zu ver- und zerstören.

Vielleicht wissen wir nun auch endlich, was jedes Wochenende im Keller des Berghain in Berlin passiert…

10 Punkte aka 10 Liter Sangria. Ich gehe jetzt zum Spanier.

Meisterwerk!

war im Savoy, Hamburg

Dr_Schaedel * 7.5

Dancing with Tears in my Eyes

So, da haben wir es, das neuste Brett von Gaspar Noé. Wie erwartet, visuell und akustisch eine Herausforderung, das kündigt sich schon mit den fast schon zum Markenzeichen gewordenen Amok laufenden Credits an.

Worum geht's? Eine französische Choreografin stellt sich eine illustre Truppe junger Tänzerinnen und Tänzer zusammen, mit denen sie auf Tournee durch die USA gehen will. Nach 3 Tagen Proben in einer abgedunkelten Schulaula sitzt die Choreografie (atemberaubend ohne einen einzigen Schnitt in einer viertelstündigen Einstellung gedreht) perfekt, und man will sich für die Strapazen mit einer kleinen Feier belohnen. Man trinkt Sangria, tanzt zu heißen Rhythmen, redet über Sex und Gott, hie und da kriselt es auch ein bisschen, das Übliche eben.
Doch irgendwann stellt die junge Selva fest: Hier stimmt etwas nicht. Der "normale" Partyrausch kippt plötzlich, und etwas ganz, ganz Unschönes beginnt sich abzuzeichnen ...

Eigentlich nicht viel Story, die da praktisch in Echtzeit abgewickelt wird, und trotzdem schafft es Noé, aus einer missglückten Partynacht einen schieren Albtraum aus Beats, Rausch, Aggression und Wahnsinn zu machen. Die entfesselte Kamera und die geisterbahnartige Beleuchtung in dem kargen Setting sind dabei seine verlässlichen Komplizen.

Was ihn hierbei beeinflusst hat, verrät der Meister buchstäblich am Rande: Zu Beginn des Films werden alle Beteiligten - eine ethnisch und gendermäßig sehr bunt zusammengewürfelte Runde 20-25jähriger - in einem Videointerview nach ihrer Motivation befragt. Wer den Blick kurz zur Seite schweifen lässt, wird sehen, dass der Bildschirm umrahmt ist von DVD- und Buchrücken. Es tauchen bekannte Genre-Filmtitel auf wie SUSPIRIA, POSSESSION, ZOMBIE, aber auch Fritz Zorns Roman MARS, der hier zwar etwas weit hergeholt scheint, seinerzeit aber auch ein eindrucksvolles Dokument einer verkackten Adoleszenz darstellte.
Und für mich persönlich ließen auch Edgar Allan Poes THE FALL OF THE HOUSE OF USHER und THE MASK OF THE RED DEATH von ferne grüßen, vielleicht auch irgendwo im Stapel zu sehen.

Und wie in Letzterem sind die jungen Tänzer, die am Anfang noch selbstbewusst von ihren Träumen und Plänen erzählen, am Schluss nur noch mechanisch agierende Opfer ***SPOILER***der übermächtigen Droge.
Erlösung? Naja. Nachdem der Zuschauer 90 Minuten lang zusammen mit den Akteuren zu Beats von Daft Punk, Aphex Twin & Co. weichgekocht wurde, entlässt uns Noé zu sanften, analogen Klängen (auch das kann er) und statischen Bildern (bis hin zum minutenlangen Standbild), indem er buchstäblich die Tür öffnet, hinaus aus diesem selbstzerstörerischen Mikrokosmos in die unschuldig weiße Winterlandschaft. Danke.

So lange wollten übrigens einige Zuschauer in München nicht warten. Sie zogen die Ausgangstür des Kinos vor. Ich nicht. Und ich wurde, wie alle anderen Tapferen, denn auch noch mit der fast bitter-komischen Auflösung der aufgeworfenen Frage belohnt.

Fazit: Wer sich eine visuelle und akustische Tour de Force geben will, die in die Abgründe der menschlichen Seele blickt und eine gute Portion Zynismus ("Dieser Film ist stolz darauf, französisch zu sein") mitbringt, ist mit CLIMAX gut beraten. Body-Horror mal anders, vergleichsweise unblutig, teilweise sogar ästhetisch fesselnd anzuschauen, aber dennoch verstörend. Vielleicht nicht Noés bedeutendster Film, aber auf jeden Fall wieder ein cineastisches Erlebnis.

war im Cinemaxx, München

landscape * 9.0

Kamera läuft Amok

War das ein Vorfilm? War mir nicht mehr sicher, ob einer angekündigt war... es ist keiner. Dann stellen sich alle Tänzer kurz vor - hier sollte man sich konzentrieren, auch wenn es viele sind - und es folgt der dritte Teil, eine wahnsinnig tolle Choreografie. Etwas Sangria und small talk, dann Solo-Tanzbattle, Kamera einfach von oben filmend, und dann beginnt die Kamera zu torkeln, zu verfolgen, zu rollen und Kopf zu stehen, während der DJ Daddy auflegt. Der Ton ist sozusagen real eingefangen, aus der Szene heraus, was wummeriger und irgendwo einlullender ist als Overdub. Es scheint kaum zusätzliches Licht eingesetzt worden zu sein, so wird der ganze Abend zum Alprausch.
Bis alles ans Tageslicht kommt, aftermath...

guckte im Savoy, Hamburg

Mastodon * 5.5

Nett aka Ist das Kunst oder kann das weg?

Der Hype um den Film ist nur dem Label von Gaspar Noe geschuldet (den ich im Regelfall schätze). Ob der Film ohne dieses Label aufgrund seiner "Bildgewalt", seiner "Geschichte" seiner Machart oder seiner Choreografie jemals sein Publikum gefunden hätte darf bezweifelt werden. Ein Experiment wie Stephen King mit Richard Bachmann steht noch aus oder hat eben nicht geklappt.

Schlussendlich alles schon mal gesehen. Entweder in Enter the Void, diversen Musikvideos à la Michael Jackson, Handlungsablauf ähnlich wie Chorus Line. Ein Amerikaner in Paris hat immer noch eine der längsten Sequenzen mit 17 Minuten am Stück.

Mit der"Erklärung" jedes/jeder noch so dämlichen Dialogs/Aktion/Reaktion durch die Einnahme von Drogen schafft man sich natürlich "künstlerische Freiheit" die nicht zu hinterfragen ist. En Vogue die Wackelkamera aus der Sicht eines Beobachters. Dann noch ein paar Anleihen von Requiem for a Dream und diversen anderen Filmen mit bewusstseinserweiternden Substanzen. Hatte mehr erwartet als ein Film über die Charaktereigenschaften des Menschen verteilt auf verschiedene Protagonisten.

Der Film ist visuell und akustisch interessant. Aber zumindest mich lassen die Charaktere und deren Schicksal in Summe kalt. Einzelne Sequenzen schmerzen aber für einen Film ist das meiner Meinung nach nicht genug. Vielleicht beim nächsten Mal.

Herr_Kees * 8.0

Menschen, Drogen, Tanzen, Sex

Gaspar Noés Anti-Drogen-Film entwickelt gleich von Anfang an eine unbändige, ansteckende Energie. Es ist einfach geil, den Tänzern mit ihren durchtrainierten, biegsamen Körpern bei der Performance zuzusehen. Genauso geil, wie es ist, Noé beim Filmen zu bestaunen: In der ersten Einstellung wird gleich mal das arte-Logo weggezappt, dann folgt der Abspann, dann das Vorsprechen, dann das Vortanzen und jetzt erst der wieder einmal extrem knallige Vorspann, der einem keine Zeit zum Schauen lässt, da ist man schon mittendrin im Film, hat die Tänzer und ihre Neurosen kennengelernt, die Grüppchenbildung beobachtet und reichlich pornographisches Vokabular gehört. Man merkt, wie langsam die Stimmung kippt, die Kamera natürlich auch, sie folgt den Mitgliedern des Ensembles in langen Plansequenzen von der „Bühne“ in den Backstagebereich und wieder zurück in frisch eskalierte Szenarien, das hier ist BIRDMAN auf LSD, untermalt von einem endlosen DJ-Set und ausgeleuchtet in höllenrot und unheilvollem grün.

Gaspar Noé macht Gefühlskino und es sind nicht die angenehmsten Gefühle. Deshalb ist auch CLIMAX insbesondere gegen Ende hin recht anstrengend, jedoch insgesamt deutlich zugänglicher und kurzweiliger als seine bisherigen Filme. Wer mit Noés Werk vertraut ist, könnte möglicherweise sogar enttäuscht sein, dass CLIMAX nicht noch wilder, härter, extremer geraten ist. Das „R“ das der Film als bisher einziger Noé-Film in den USA von der MPAA erhalten hat, ist jedoch natürlich mal wieder rein sexuell motiviert, so schlimm ist CLIMAX nämlich gar nicht – es ist ja schließlich ein Tanzfilm.

goutierte im Metropol, Stuttgart

Cinescout * 3.0

Captain Obvious und die tanzenden Vollspacken.

Un Chien Andalou. Zombie. Hara-Kiri. Die Eröffnungssequenz zeigt die Bewerbungsinterviews der Tänzer der Veranstaltung. Eingerahmt ist der TV von Videokassetten dieser Filme. Alles innovative, herausfordernde oder mit Konventionen brechende Werke mit dem Willen, einer Geschichte einen neuen Blickwinkel zu geben. Im Gegensatz zu Kim Ki-Duk hat Monsieur Noe das mit dem Blickwinkel wohl sehr wörtlich genommen und setzt den Zuschauer daher einer Kameraführung aus, die inhaltlich den Kontrollverlust seiner Protagonisten spiegeln soll. Mit diesem Film verbindet Sie nur die Idee, dass die Menschheit dem Scheitern geweiht ist. Aber dies ist weder wie in Trainspotting in eine sinnvolle Geschichte eingebettet noch erreicht er dabei auch nur Ansatzweise die Originalität und Intensivität eines Requiem for a Dream. Erfährt der Zuschauer in der ersten Viertelstunde noch Fetzen der Motivation, Wünsche und eventuellen Ziele der Figuren, gerät später alles aufgrund eines einzelnen Vorfalls ins Chaos, welches auch noch die Frage der Verantwortung völlig unbeachtet läßt. Hier wird nicht abgewägt oder reflektiert, hier wird nur agiert. Und das alles in Bahnen, die so vorhersehbar wie ein Fahrplan der öffentlichen Nahverkehrsmittel sind.

Was die Inszenierung angeht, so ist es sehr verwunderlich, dass für einen Film, der den Tanz und Musik als Thema hat, die Tonmischung sehr schwach ausfällt. Dumpf, stark komprimiert und weit unter den Möglichkeiten des kontemporären Kinos bleibend, wird hier außer Noes gerne verwendeter Technik mit binauralen Frequenzen (welche den Zuschauer in Unwohl und Rauschzustand zu versetzen vermögen) absolut sträflich mit Ton umgegangen. Dass es nicht an der Kinoanlage liegt, haben in diesem Jahr bereits über 50 Filme an gleicher Stelle eindrucksvoll bewiesen.

Leider begeht Noe die Kardinalssünde des Films. Er scheitert nicht an schlechten Darstellern oder handwerklichen Fehlern, er langweilt den Zuseher.

Zwei Sterne gibt es für die guten Darsteller und ihre rhythmischen und originellen Tanzbewegungen. Einen Stern dafür, dass Noe eine doch recht einfach zu verfolgende Geschichte erzählt und im ersten Akt Ansätze einbringt, die womöglich die Einöde, die darauf folgt, hätte verhindern können. Wenn er denn daran interessiert gewesen wäre.

war im Harmonie, Frankfurt

Leimbacher-Mario * 8.0

Tanz um dein Leben

Was heißt schon Freiheit, wenn sie in die Hölle führt?
Was ist Gleichheit, wenn man Acid in den Sangria rührt?
Was bedeutet Brüderlichkeit, wenn man nur einen Sieger kürt?

"Climax" verspricht nicht zu viel,
selbst wenn über den Inhalt mal wieder gewinnt der Stil.

Wer Noe kennt, weiß was einen erwartet,
dass diese Sause sicher höllisch ausartet.

Stolz französisch zu sein, frei und fromm,
ich völlig geflasht, durch die Bilderflut schwomm.

Geile Tänzer, auch wortwörtlich gemeint,
ich kann völlig verstehen, wenn man hier am Ende den Kopf schüttelt und verneint.

Ein Delirium aus Drogen und Körpersäften,
was den audiovisuellen Wumms angeht, gehört Noe zu den allerbesten.

Ein entfesseltes Bild, Choreographien zum Verlieben,
kann der Kameramann etwa fliegen?

Ein Höhepunkt in vielerlei Hinsicht, der siebte Kreis der Hölle lädt zum Tanz,
doch es funktioniert nur, lässt man sich fallen, frei und ganz.

Nerven kann das Ding genauso wie entzücken,
Glück hatte, wer diesen Tanzsaal verlässt nur mit Krücken.

Anstrengend. Aufgedreht. Mit nichts zu vergleichen.
Schnell muss Verwunderung der Ekstase weichen.

Einer der besten, eigensten Tanzfilme von je,
da gibt es mehr als nur ein paar rote Flecken im Schnee.

Ficken, tanzen, fürchten und fluchen,
gar nicht so einfach, den Sinn hierin zu suchen.

Dennoch ein Erlebnis sondergleichen,
selten war eine Tanzfläche voller mit Leichen.

Fazit: Kinetisch, energiegeladen, ansteckend - "Climax" ist nicht nur für Noe-Fans ein Höhepunkt des Jahres. Himmel und Hölle auf der Tanzfläche. Das nenne ich mal eine Party!

44 Bewertungen auf f3a.net

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Bewertungen

Climax
  • Score [BETA]: 81
  • f3a.net: 7.5/10 44
  • IMDb: 7.7/10
  • Rotten Tomatoes: 88%
  • Metacritic: 84/100
Bewertungen von IMDb, Rotten, Meta werden zuletzt vor dem Festival aktualisiert, falls verfügbar!
© Fantasy FilmFest Archiv 2019-11-15 14:01

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