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Review Cop Car

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Zwei Jungs, ein Schnurrbart, vergebenes Potential
von D.S.

So viel ist nach Sichtung des diesjährigen FFF-Abschlussfilms sicher: sollte Kevin Bacons Filmkarriere eines Tages zu Ende gehen, bleibt ihm immer noch eine alternative Möglichkeit zum Geldverdienen. Als Freddie-Mercury-Imitator.

Die Ähnlichkeit ist wirklich verblüffend. Und wenn man böse gesinnt ist, könnte man versucht sein zu sagen, dass sie am Ende schon fast das nachhaltig Faszinierendste am ganzen Film darstellt. Denn COP CAR demonstriert zwar eine Menge Potential für einen besonderen Film. Für einen sensiblen Jugendthriller mit schwarzhumorigen und harsch gewalttätigen Untertönen, für eine reichlich ungewöhnliche Kreuzung aus STAND BY ME und Coen Brothers – kann dieses Potential jedoch absolut nicht ausschöpfen und hinterlässt so leider recht wenig bleibenden Eindruck.

Das könnte damit zu tun haben, dass der Film den Zuschauer ziemlich auf Distanz hält, wenn man ihn in Gänze betrachtet. Wir erfahren beispielsweise fast nichts über die Hintergründe der beiden Hauptfiguren – zwei Jungs, die absolut beste Freunde sind, was in der wunderbaren Eröffnungssequenz auf sehr charmante Weise vermittelt wird: Die beiden hauen offensichtlich gerade von zu Hause ab, streifen durch die endlosen Weiten des ländlichen Colorados und sprechen sich gegenseitig Kraftausdrücke vor. Hier erreicht COP CAR ein enormes Maß an Plastizität und Natürlichkeit, und tatsächlich fühlen wir uns in diesen Momenten fast wie ein stiller Teilhaber an der Verbundenheit der beiden, ihrem gemeinsamen unschuldig naiven Erkunden der Erwachsenenwelt, das bald deutlich tiefergehende Formen annehmen wird.

Leider entscheidet sich der Film jedoch nach einer gewissen Zeit, diese vertrauliche Atmosphäre, diese Nähe zu seinen Kinderprotagonisten aufzugeben. Er verschiebt seinen Fokus auf die Figur Kevin Bacons, implementiert sogar einen kurzen Zeitsprung, um uns seinen Anteil am Zustandekommen des Ausgangspunktes der Haupthandlung zu vermitteln: Die beiden Jungs stoßen auf das titelgebende Auto des Sheriffs, das er wegfahrbereit auf einer Lichtung abgestellt hat – nur kurz, und doch zu lang. Was ebenso für die Einführung seiner Figur selbst gilt, wie sich herausstellen soll. Denn Bacon spielt zwar gut, und diese Sequenz – wie alle weiteren, bei denen er im Zentrum steht – ist zweifellos so unterhaltsam wie spannend. Sie unterbricht jedoch die Verbindung, die sich zwischen dem Zuschauer und den Jungs aufgebaut hatte. Und diese wird nie wieder im vollen Umfang hergestellt.

Denn in der Folge sind die beiden â€×nur“ noch Protagonisten einer zunehmend finsterer werdenden Crime-Story, die auf den Motiven und Handlungen von Bacons Sheriff gründet. Wir verfolgen, was sie tun und was mit ihnen passiert, aber sie wirken dabei immer weniger selbstbestimmt und sind damit als eigenständige Charaktere auch immer weniger im Fokus des Films wie auch des Zuschauers.

Dem hätte vielleicht entgegengewirkt werden können, die Figuren hätten uns vielleicht wieder nähergebracht werden können, indem man ihnen eine Backstory spendierte. Oder sich ihrer individuellen Reaktion auf die Eskalation der Situation genauer widmete. Aber, wie erwähnt: spätestens nach dem Ende des ersten Drittels wählt COP CAR das Mittel gesteigerter erzählerischer Distanz. Wir finden uns nur noch als Beobachter von Figuren wieder, über die wir wenig wissen, und blicken darauf, wie sie zum Spielball katastrophaler Entwicklungen werden. Was übrigens genauso für den Sheriff gilt, dessen Geschichte unklar bleibt und dessen Charakterzeichnung zwar stimmig, aber doch recht eindimensional wirkt.

Vermutlich war die Absicht dahinter das Erzielen möglichst großer Unvorhersehbarkeit, das Erzeugen von möglichst viel Überraschung über den weiteren Verlauf der Handlung beim Betrachter. Dem steht dann jedoch entgegen, dass gar nicht mal sooo wendungsreiche Entwicklungen auf uns warten. Dass es selten einen Moment gibt, in dem uns angesichts echter Unfassbarkeiten der Mund offenstehen würde. Dass die Story in weiten Teilen eben doch vorhersehbar – sowie im Mittelteil auch mit ein paar Längen gesegnet – ist. Dass, schließlich, ihr Höhepunkt dramaturgisch fast verschenkt wird.

Das klingt jetzt vermutlich alles negativer, als es sich insgesamt auswirkt. COP CAR wählt eine interessante Perspektive und verfügt über eine durchaus spannende Handlung. Seine Kinderfiguren sind glaubwürdig angelegt und gespielt. Kevin Bacon strahlt wieder einmal große Präsenz aus. Und die Kombination all dieser Faktoren macht ihn zu einem allemal unterhaltsamen Film mit eigenständigem Flair.

So besonders, so involvierend wie in seiner Eröffnung fühlt er sich später jedoch leider nie mehr an. Die zunächst etablierte Nähe zu seinen für ein solches Werk untypischen Protagonisten verwirft er zugunsten eines konventionelleren Krimi-Plots, der in seiner Entfaltung nicht immer das nötige Tempo oder die nötige Unverfrorenheit aufweist. Und so wirkt COP CAR dann schlussendlich leider auch: nicht schräg, lakonisch, abseitig genug, um den Coens nahe zu kommen. Auf lange Sicht aber auch nicht nah genug am Erleben der beiden Jungs dran, um komplett als intensive â€×Jugend-Geschichte“ zu faszinieren.

Seinem Coming-of-Age-Set-up zum Trotz also eher ein gewöhnlicher, wenn auch gut gemachter Thriller, der seine Chancen vergibt, etwas wirklich Ungewöhnliches zu sein. Dicke 6,5 Punkte ist er allemal wert. Aber ich hatte nach dem Einstieg auf deutlich mehr gehofft.

war im Cinestar, Frankfurt

60 Bewertungen auf f3a.net

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Bewertungen

Cop Car
  • Score [BETA]: 68
  • f3a.net: 6.5/10 60
  • IMDb: 7.5/10
  • Rotten Tomatoes: 70%
  • Metacritic: 62/100
Bewertungen von IMDb, Rotten, Meta werden zuletzt vor dem Festival aktualisiert, falls verf├╝gbar!
© Fantasy FilmFest Archiv 2020-08-12 03:05

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