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Review Martyrs

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Dieser Review enthält SPOILER!

Martyrium extraordinaire
von MissVega

Märtyrer = eine Person, die für ihren religiösen Glauben freiwillig den Tod, verursacht durch Außenstehende, erduldet. Soweit die offizielle Bedeutung dieses Wortes. Sie lässt sich nicht ganz für die Personen in diesem Film übernehmen, denn von Freiwilligkeit kann hier keine Rede sein. Und wo wir schon mal dabei sind: ob man sich diesen Film freiwillig anschauen sollte, ist mehr als fraglich, denn er tut weh, verstört und schockiert.

Die 10jährige Lucie ist schwerst traumatisiert. Ihr gelingt die Flucht aus einjähriger Gefangenschaft, welche sie in einem leerstehenden Fabrikgebäude irgendwo in Frankreich verbringen musste. Sie wurde zwar nicht sexuell missbraucht, aber das, was man ihr angetan hat, ist weit schlimmer. An einen Stuhl gekettet, in fast völliger Dunkelheit, vegetierte sie vor sich hin und wurde dabei immer wieder brutal misshandelt. Durch Zufall kann sie entkommen und landet in der Kinderpsychiatrie, wo sie die etwas jüngere Anna kennenlernt, die einzige Person, zu der sie Vertrauen fasst.

Schnitt, ca. 15 Jahre später: Lucie (Mylène Jampanoï), die immer noch unter schweren Angstzuständen leidet, klingelt an der Tür einer vierköpfigen Familie, die gerade beim Sonntagsfrühstück sitzt. Mit einer Schrotflinte bewaffnet, richtet sie ein wahres Blutbad an, das keines der Familienmitglieder überlebt. Sie ist nämlich der Meinung, in den Eltern ihre Peiniger von damals wiedererkannt zu haben. Anna (Morjana Alaoui), mit der sie immer noch befreundet ist, will ihr anschließend helfen und sie von dort wegbringen, aber leider nimmt die Beseitigung der Leichen und der Kampf gegen Lucies innere Dämonen zu viel Zeit in Anspruch, so dass es letztendlich Anna ist, die sich einem wahren Martyrium ausgesetzt sieht...

Wo "High Tension" aufhört, fängt "Martyrs" noch nicht mal an. Dieser Film ist böse, gemein und unglaublich brutal. Wie die Protagonisten hier leiden müssen, geht weit über das in Horrorfilmen gängige Maß hinaus. Der Film terrorisiert die Zuschauer mit der Darstellung von Gewalt, Erniedrigung und Verletzung. Regisseur Pascal Laugier ("House of Voices"), der vor "Martyrs" fast nur Kurzfilme und zwei TV-Dokumentation zum Film "Pakt der Wölfe" gedreht hat, setzt mit diesem Film neue Maßstäbe, was Wahnsinn und Misshandlungen angeht. Leider hat er darüber die Story ein wenig vernachlässigt, denn die Frage nach dem "Warum?" wird zwar beantwortet, aber auf eine Art und Weise, die den Zuschauer keinesfalls befriedigen kann. Zu absurd, zu verquer ist die "Auflösung", warum unter anderem Lucie so viel ertragen musste. Dies macht das unglaubliche Maß an Gewalt und Brutalität noch weniger nachvollziehbar, als es natürlich sowieso schon ist. Dass der Grund für diese grausamen Misshandlungen nie zufriedenstellend ausfallen kann, ist klar, aber ich denke, hätte Laugier sich hier etwas anderes einfallen lassen, wäre man etwas weniger bestürzt aus dem Kino gekommen.

Der Film teilt sich in Rückblenden auf Lucies Martyrium vor 15 Jahren plus die Zeit in der Psychiatrie, in den Abschnitt der Ermordung ihrer Peiniger und in den des Martyriums, welches Anna anschließend erwartet. Der Film wartet mit einem exzellenten Cast auf, besonders die beiden Hauptdarstellerinnen gehen hier darstellerisch über ihre Grenzen hinaus. Jede Nuance ihrer Schmerzen findet den Weg direkt ins Gehirn des Zuschauers, der sich mitunter nur noch verzweifelt abwenden kann, weil die Qualen sich von der Leinwand auf ihn zu übertragen scheinen. Man kann nicht fassen, was ein einzelner Mensch vermeintlich ertragen kann. Unterstützt wird das Ganze von einem gut ausgewählten Setdesign, jeder Schauplatz wirkt glaubwürdig und passend. Eingerahmt von einem passenden Score gibt es also auf technischer Seite nichts zu meckern. Wie gesagt, das Manko des Films ist seine Erklärung für diesen 97 Minuten andauernden Terror. Kranke Sadisten, die aus Spaß am Leid Anderer quälen... ok, kennen wir. Aliens, die die Weltherrschaft an sich reißen wollen und mit Menschen experimentieren... kennen wir auch. Mörder, die einfach nur Menschen töten wollen... kennen wir ebenfalls. Aber das, was Laugier hier als Erklärung auffährt, ist, ehrlich gesagt, so bescheuert, dass er das ganze Leiden der Opfer noch sinnloser erscheinen lässt, sofern das überhaupt möglich ist. Die Begründung für das Martyrium ist so absurd wie belanglos, so bar jeder Realität, dass man zwangsläufig enttäuscht wird. Vor allem, weil man sich durch das letzte Drittel des Films wirklich quälen muss, da die wiederholte Darstellung von schwersten Misshandlungen dann wirklich nicht mehr zu ertragen ist und in letzter Konsequenz somit das provoziert, was sicherlich nicht im Sinne des Regisseurs gewesen sein kann: sie langweilt.

Ich würde deshalb von diesem Martyrium abraten. Gängigen Horrorfans könnte das hier wirklich ne Spur zu hart sein, die Hartgesottenen kommen sicherlich voyeuristisch auf ihre Kosten, werden aber von der Story nicht zufrieden gestellt. Für den Durchschnitts-Kinogänger, der sich gern mal ein bisschen gruselt, ist "Martyrs" bei weitem zu grausam und verstörend. Dieser Film ist krank, äußerst brutal, gemein und unverständlich. Er findet nach einem grandiosen Auftakt zu keinem stimmigen Ende und die Botschaft, die er vielleicht vermitteln will, wird vom hirnrissigen Schluss verschluckt. Somit sicherlich ein weiterer Meilenstein, was kranke Gewaltdarstellung in Horrorfilmen angeht, aber leider geht der Story auf halber Strecke die Luft aus. Somit, ob der fantastischen Darstellerriege, grade noch fünf von zehn nächtlichen Alpträumen, aus denen es kein Erwachen gibt.

verweste im Cinemaxx 1, Hamburg

85 Bewertungen auf f3a.net

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Bewertungen

Martyrs
  • Score [BETA]: 65
  • f3a.net: 7/10 85
  • IMDb: 5.9/10
Bewertungen von IMDb werden zuletzt vor dem Festival aktualisiert, falls verfügbar!
© Fantasy FilmFest Archiv 2020-02-21 05:31

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