s Sick of Myself (2022) Review - Fantasy FilmFest Mobil
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Reviews Sick of Myself

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Reviewer

Leimbacher-Mario * 9.0

Komplexe Komplexe

â€×Sick of Myself“ ist ganz famoser und (positiv) hipper Bodyhorror aus Norwegen, versetzt mit massig Lachen, Biss und Witz. Erzählt wird von einer jungen Kellnerin, die scheinbar große Probleme mit dem aufkommenden Ruhm ihres Künstlerfreundes hat und selbst liebend gerne mehr im Mittelpunkt stehen wollen würde. Und als vor ihren Augen eine Frau schwer von einem Hund zerfleischt wird, kommt ihr die â€×fabelhafte“ Idee, dass die Gesellschaft scheinbar momentan auf entstellte, kranke, verletzte, andersartige und behinderte Menschen besonders abfährt und sie für Ruhm und Reichtum keinesfalls ultrahübsch oder normal aussehen muss, ganz im Gegenteil - und dabei überschreitet sie dann eine schmerzhafte Grenze nach der nächsten …

EgoismusDrome

Das ist meine erste, uneingeschränkte Empfehlung vom diesjährigen Fantasy Filmfest. â€×The Square“ trifft â€×The Fly“, Kunst trifft Kompetenz, Horror trifft Humor, Cronenberg trifft Godard. Jumpcuts und Narben, das große Ich und die Suche nach Ruhm, Liebe und Aufmerksamkeit. Ein wenig hat man ein schlechtes Gewissen, da die Dame hier ganz klar von Anfang an krank ist. Sehr krank. Psychisch, nicht durch ihre fortlaufenden äußerlichen â€×Makel“ und Entstellungen. Solche Fälle von krankhaftem Zwang auffallen zu wollen gibt es und sind nicht unbedingt witzig, warnend oder selbstbestimmt. Dazu kommt das Ende etwas plötzlich und bleibt zu vage, zahm und eben nicht bis zur bitteren Konsequenz durchgezogen. Doch das war's dann für mich schon an Nitpicking. Der Rest ist ein bitterböser Genuss. Fies, frivol, verspielt. Immer unterhaltsam, immer auf seinen Zehen, immer auf Zack. Zitierend und doch sein eigenes Ding. Akut, aktuell, anmutig. â€×Breathless“ trifft Social Media-Zeitalter in verrottend, vernarbt und sick. Mode und Moder. Ego und Wunden. Pillen und Probleme. Beziehung und Einsamkeit. Der Fisch fängt vom Kopf an zu stinken. Eindringlicher Look, intelligente und beherzte Herangehensweise, eine trotz all ihrer Unfassbarkeit bezaubernde Hauptdarstellerin. Extrem eigenwilliger Humor an der Grenze (und manchmal auch darüber hinaus) zum schlechten Geschmack. Besonders für die sehr sozialen und ruhigen nordischen Länder sicher ein nochmals größerer Schocker. Genau so will ich das!

Fazit: Geniale und oft zum Schreien komische, mutige und heftige Bodyhorror-/Gesellschaftssatire genau zwischen Cronenberg und (wie passend zu seinem Tod) Godard. Bin schwer begeistert!

glotzte im Residenz, K├Âln

Herr_Kees * 7.5

Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom

Signe gehört zu der Sorte Menschen, die immer in der zweiten Reihe stehen – oder dahinter. Die auf Partys nicht zu Wort kommen, deren Meinung nicht gefragt ist, die nie den Mittelpunkt der Unterhaltung darstellen. Ganz anders als ihr Freund Thomas, selbsternannter Künstler, aber eigentlich Sitzmöbeldieb, ein Narzisst par excellence, dessen ungeteilte Aufmerksamkeit für Signe das höchste erreichbare Ziel wäre.

Nach ersten Erfahrungen mit einer behaupteten – und konsequent durchgespielten – Nussallergie findet Signe für sich allmählich Möglichkeiten, auf sich aufmerksam zu machen. Doch den Durchbruch bringt erst ein illegales russisches Medikament, dessen Nebenwirkungen horrend sein sollen ...

SICK OF MYSELF beginnt amüsant und endet dann doch eher deprimierend, kippt von einem Genre ins nächste und zurück, ist mal Sozialsatire, dann Bodyhorror, dann Psychodrama und man weiß oftmals nicht so recht, ob man sich mit Signe zusammen über ihre Umwelt lustig machen oder sie bemitleiden soll. Allein die Sexfantasie ihrer bestens besuchten Beerdigung ist urkomisch und tieftraurig zugleich.

Zudem stellen sich einige Situationen, die durchaus real sein könnten, plötzlich als Vorstellung Signes heraus. Verunsicherung ist hier ein bewusst eingesetztes Stilmittel.

Ein weirder kleiner Film, der auf jeden Fall Aufmerksamkeit verdient.

verweste im EM, Stuttgart

D.S. * 7.5

Ich ich ich

Es gibt wohl nur wenig Schlimmeres, gleichzeitig Bemitleidenswerteres als Menschen, die immer im Mittelpunkt stehen wollen. Die der Welt zu verstehen geben, dass nur sie selbst ein Recht auf Aufmerksamkeit haben und sich alles um ihre Befindlichkeiten drehen muss. Solche Leute haben wir vermutlich sämtlichst spätestens im Zuge der Coronapandemie zur Genüge kennen- und hassenlernen können, aber der norwegische Festivalbeitrag SICK OF MYSELF setzt noch einen drauf und präsentiert uns die Selbstsucht gleich im infernalischen Doppelpack – bestehend aus dem Möchtegern-Objektkünstler Thomas und seiner Lebensgefährtin Signe, die in einem Café arbeitet und offenbar auch sonst nichts Aufsehenerregendes zum Leben ihres sozialen Umfelds beizutragen hat. Was sie allerdings absolut nicht ertragen kann und weshalb sie permanent nach Möglichkeiten sucht, sich in den Vordergrund zu spielen, wobei dreiste Lügen ihr geringstes Problem darstellen.

Thomas ist nicht unbedingt besser, tatsächlich versuchen beide regelmäßig, den anderen vor den gemeinsamen Freunden klein- und sich selbst möglichst großzumachen. Signe geht allerdings ein paar gewaltige Schritte weiter, als Thomas durch seine â€×Kunst“ eines Tages wirklich ein gewisses öffentliches Interesse zu erwecken beginnt: Sie inszeniert sich als schockierend schwer erkrankt und so mitleids- wie wahrnehmungsbedürftig – und schreckt dabei auch nicht davor zurück, sich echtes, barbarisches Leid zuzufügen. Alles für die 15 Minuten Ruhm … und sei es ein dauerhaft monströs deformiertes Gesicht.

SICK OF MYSELF ist eine Groteske höchster Güte, die sowohl in ihrer Thematik als auch in ihrer Darbietung nonchalant schmerzhaft unterwegs ist. Die Verfasstheit von Signe, die hier im Mittelpunkt steht, ist ein wirkliches, wachsendes Problem heutiger Gesellschaften, das nicht leicht zu behandeln oder auch nur zu besprechen ist – Regisseur und Drehbuchautor Kristoffer Borgli geht es in seinem Spielfilmdebüt an, und was er dabei an Subtilität missen lässt, macht er durch Furchtlosigkeit und Konsequenz mehr als wett. Aber nicht nur sein Sujet hat dramatische Tiefe, auch die Furchen in Signes Gesicht haben sie, nachdem sie in vollem Bewusstsein der zu erwartenden Folgen massive Dosen eines illegalen Medikaments eingenommen hat: Es tut fast körperlich weh, mitanzusehen, wie sich die unscheinbare, aufmerksamkeitssüchtige junge Frau selbst verschandelt.

Abseits der degenerativen Entwicklung von Signes körperlicher Hülle und sämtlichen damit zusammenhängenden Absurditäten des Handlungsverlaufs unterhält der Film aber auch auf eine andere bösartige Weise: Regelmäßig bekommen wir Storysequenzen zu sehen, die sich im Nachhinein als bloße Fiktion erweisen, als Wunschvorstellungen von Signes krankem Geist – und diese sind meist nicht gleich als solche zu erkennen. Borgli treibt das unzuverlässige Erzählen hier mitunter meisterhaft auf die Spitze und man ertappt sich bald dabei, dass man nichts von dem, was man sieht, noch glaubt. Vielleicht eine richtige Reaktion auf eine Welt, in der Wahrheit nicht mehr etwas ist, das es objektiv gibt, sondern nur noch etwas, das von Erzählenden gemacht wird. Oder zu machen versucht wird.

Gegen Ende verliert sich die Geschichte leider ein wenig im Ungefähren, führt zu keinem deutlich definierten Ende hin und verliert in ihrer Aussage dadurch etwas an Schlagkraft. Auch hätten einzelne Handlungsepisoden – wie etwa der Dreh eines Werbespots – eine Straffung vertragen. Im Gesamten jedoch ist SICK OF MYSELF ein hinterhältiges, hintergründiges Festival-Highlight – tut weh und macht böse Spaß. 7,5 Punkte.

war im Harmonie, Frankfurt

21 Bewertungen auf f3a.net

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Bewertungen

Sick of Myself
  • Score [BETA]: 77
  • f3a.net: 7.3/10 21
  • IMDb: 7.5/10
  • Rotten Tomatoes: 80%
  • Metacritic: 80/100
Bewertungen von IMDb, Rotten, Meta werden zuletzt vor dem Festival aktualisiert, falls verf├╝gbar!
© Fantasy FilmFest Archiv 2022-09-26 01:10

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