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Review Visitor Q

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Dieser Review enthält SPOILER!

Corpse Fucking Art
von Mirco Hölling

Die Familie Yamazaki ist so etwas wie die japanische Version der Flodders, nur sind die im Vergleich geradezu etabliert und brav. Die Mutter Keiko Yamakazi ist heroinabhängig und prostituiert sich zur Finanzierung ihrer Sucht, permanent mit einem Teppichklopfer verprügelt wird sie obendrein von ihrem Sohn Takuya, der wiederum von seinen Mitschülern aufs heftigste drangsaliert wird. Die minderjährige Tochter Miki verführt zur Gelderlangung (und aus Spaß?) ihren Vater Kiyoshi, der sich vorerst weigert, dann aber mitmacht. Eigentlich möchte der
Vater - ein gescheiterter Journalist - eine Videoreportage über Japans Jugend drehen, da er dringend wieder einen Job braucht. Letztlich will er dann sogar seinen Sohn bei den täglichen Folterungen durch die Schulkameraden filmen.
In diese sympathische Kleinfamilie gerät irgendwann der Visitor Q, indem er Kiyoshi auf offener Strasse immer wieder ganz unvermittelt mit einem Stein verprügelt. Der Fremdling wird mit nach Hause genommen und rückt die sowieso schon absurden Verhältnisse in eine noch absurdere Richtung, bringt jedoch die in seine Einzelteile zerfallene Familie wieder zusammen.

In diesem Film haben wir: Drogenmissbrauch, Inzest, Pädophilie, Nekrophilie, Gewalt, Prostituierung von Minderjährigen etc. pp. Miike hat hier sicherlich einen der seltsamsten, verstörendsten, unappetitlichsten aber auch schönsten Filme seines Oeuvres geschaffen.

Entstanden ist Visitor Q im Rahmen der Love-Cinema-Reihe. Er stellt hier den sechsten und letzten Beitrag dar. Die Love Cinema-Reihe wurde ausschließlich auf dem in Japan sehr populären Digitalvideo-Format produziert und alle sechs Teile kosteten zusammen nicht mehr als 500.000,- . Thema war es, die reine, wahre Liebe darzustellen, was Miike dann äußerst seltsam aber durchaus treffend getan hat.

Somit haben wir eine rein auf Video gedrehte Produktion, ohne aber in Dogma-typisches Handkameragewackel zu verfallen. Wenn die Kamera wackelt, dann weil sie vom Vater als Teil seiner journalistischen Arbeit geführt wird. Diese Form der Bildsprache führt ja bekanntlich immer wieder zu einem größeren Realismus. Man fühlt sich der Handlung näher als bei 35mm-Produktionen, obwohl diese natürlich ästhetisch als wesentlich schöner bezeichnet werden können. Die Bilder sind häufig sehr nah und persönlich. Halbtotalen werden vermieden, man wechselt zwischen Nah und Totale.

Die Darsteller sind ganz einfach nur fantastisch. Eine derartige Tortur unterziehen sich vermutlich nur die wenigsten Darsteller, zumal es am Set auch häufig sehr freizügig zugegangen sein muss. Nicht alle Darsteller würden derlei Dinge mitmachen. Allen voran Kenichi Endo als Vater ist eine Schau. Seine naive Entschlossenheit ist geradezu mitreißend. Die Mangakünstlerin Shungiku Uchida spielt die Mutter, welche zwischen der Opferrolle (zu Anfang) und der "Urmutter" (gegen Ende) ganz fantastische Nuancen findet. Der Katalysator der ganzen Entwicklung - der Besucher - wird von Kazushi Watanabe gegeben, dessen erster inszenierter Langfilm "19" auch jüngst in deutschen Kinos zu erblicken war. Die Musik vom unvermeidlichen Koji Endo trifft wie immer den Kern. Das wunderbare Finale wird durch die Musik blendend unterstützt. Große Kinomomente.

Miikes immerwährendes Außenseiterthema ist hier natürlich ganz eklatant zu ersehen. Und auch wenn die Erzählweise als durchgeknallt und wild zu bezeichnen ist, bleibt doch immer alles in nachvollziehbaren psychologischen und emotionalen Grenzen. Hinter der sehr vordergründig und exploitationhaft wirkenden Schale verbirgt sich ein wunderbarer und wertvoller Kern, den nur der erblicken wird, der sich von dem gebotenen Spektakel löst und den Film einfach nur emotional auf sich wirken lässt. Mit Sicherheit eines der besten Werke des verrückten Japaners.

Abschließend sei darauf hingewiesen, dass Menschen mit einer Phobie vor Körperflüssigkeiten jeglicher Art diesen Film besser meiden sollten.

Mirco Hölling (11.12.2002)

verweste im Cinemaxx, Hamburg

24 Bewertungen auf f3a.net

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Visitor Q
  • f3a.net: 7/10 24
© Fantasy FilmFest Archiv 2020-01-21 23:52

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