Menü

Review Waltz with Bashir

Finden

Der Krieg in deinem Kopf
von D.S.

Ganz sicher ein Highlight und sogar ein Pflichtfilm des FFF08 - aber auch ein Film von der Sorte "der ist hier eigentlich fehl am Platz". Womit ich ihn ganz sicher nicht abwerten will. Aber in einem Umfeld von "Jack Brooks: Monster Slayer" und "Dying Breed"... wie soll da ein reines Kunstwerk den Raum finden, sich angemessen in den Kopf des Betrachters einzubrennen?

Ich glaube, "Waltz with Bashir" wird jeden beeindrucken, der ihn sieht. Die Erzählung und vor allem auch ihre Aufbereitung können niemanden kalt lassen. Und das sagt jemand, der mit jeglicher Art animierter Filme gemeinhin eher Probleme hat. Aber die pure Ernsthaftigkeit des hier Gezeigten, die nicht nur symbolhaft für reales Geschehen steht oder "inspired by true events" ist, sondern direkt aus der finsteren Realität entnommen ist und dazu noch ganz ruhig, leise und fast nebenbei Hintergründe aufdeckt, die gnadenloser sind als ein Drehbuch sie sich ausdenken könnte... die wirkt in doppelter Hinsicht unfair: einerseits den reinen Unterhaltungswerken gegenüber, die gegenüber dem realen Grauen zwangsläufig wie ranziges Popcorn erscheinen müssen. Andererseits aber auch "Waltz with Bashir" selbst gegenüber.

Denn für Amüsement kann dieser Film natürlich schon mal gar nicht sorgen, auch kaum für Faszination im herkömmlich filmischen Sinne. Denn über allem steht automatisch eine Form von Betroffenheit beim Betrachter. Die auch verdammt noch mal gerechtfertigt ist, denn hier geht es um Krieg, um Verdrängung, um das Unmenschliche im Menschen und die Krankheit, die in uns allen steckt und immer wieder ausbricht - und zu ECHTEN Wunden, zu ECHTEN Toten führt. Eine solche Betroffenheit kann aber auch ganz schnell so etwas wie ein "schlechtes Gewissen" auslösen. Und sei es nur, weil man sich beim FFF eine ganze Woche lang mit dämlichem Quatsch abgibt, wo die wahre Welt da draußen doch viel dringender unsere Aufmerksamkeit benötigen würde.

Naja, und was macht man für gewöhnlich mit dem Überbringer schlechter Nachrichten? Und noch viel mehr mit jemandem, der einem den Spaß versaut - auch, wenn er guten Grund dafür hat? Ihn jedenfalls nicht lieben. Deswegen glaube ich, dass viele Betrachter des Films beim FFF ihn nicht wirklich werden würdigen können. Obwohl er es mehr als verdient hätte.

Denn da ist nicht nur die Handlung - die einen in ihren Bann zieht und für die meisten Menschen unseres Breitengrades auch sehr spannend sein dürfte, denn sie deckt die Hintergründe der Massaker im Libanonkrieg erst Stück für Stück auf; und der Mehrheit sind diese vermutlich nicht gerades genau bewusst. Da ist auch die Erzählweise, die den Krieg zu etwas sehr Persönlichem werden lässt, den Betrachter mit fortschreitender Zeit immer tiefer in die Geschehnisse hineinzieht und ihn Teil haben lässt an den Erlebnissen nicht eines Soldaten, sondern eines Menschen. Hier geht es nicht (nur) um die Tötungsmaschinerie, sondern auch darum, was der Krieg mit dem Einzelnen macht. Vermittelt über die Erlebnisse, über das Schicksal eines Einzelnen. Unglaublich privat, ja intim erzählt. Und dann ist da auch noch die Animation selbst - die zwar auf den ersten Blick alles andere als extrem detailliert oder feingliedrig wirkt, aber letzten Endes ein fast fotorealistisches Erleben herbeiführt. Selten habe ich animierte Menschen gesehen, die so sehr wie wirkliche Menschen wirkten. Zu guter Letzt sind auch Soundtrack und Score zu erwähnen, welche die Erzählung nicht nur stützen, sondern ihnen in entscheidenden Momenten ganz eigene, starke Farben geben.

Das ultimative Meisterwerk ist der Film für mich dennoch nicht. Was dann vor allem auch an der eben noch gelobten Erzählweise liegt. Denn wo ich es auch für grandios umgesetzt halte, dass wir uns erst langsam in die Tiefen der Erinnerung der Hauptfigur begeben und so erst nach und nach die volle Bandbreite des Geschehens erfassen können - da finde ich es auch störend, die Erzählung ständig unterbrochen zu sehen durch den Wechsel von Interviewpartnern, die uns neue Aspekte vermitteln.

Natürlich, "Waltz with Bashir" ist ein autobiographischer Film, und Ari Folman hat sich nun mal auf diese Weise seine eigenen Erinnerungen erschlossen. Unter dem Gesichtspunkt gesteigerter Intensität und generell eines "fließenderen" Erlebnisses hätte ich mir trotzdem weniger Unterbrechungen gewünscht.

Sonst gibt es kaum etwas zu kritisieren. Aber auch nicht zu bewerten. Denn eigentlich läuft "Waltz with Bashir" hier, wie erwähnt, außer Konkurrenz. Ich vergebe mal 8 Punkte, aber nur der Vollständigkeit halber - der Film passt einfach nicht ins FFF-Bewertungsraster. Aber wie auch immer: gesehen haben sollte man ihn unbedingt.

war im Metropolis 6, Frankfurt

56 Bewertungen auf f3a.net

Zurück

Bewertungen

Waltz with Bashir
  • Score [BETA]: 81
  • f3a.net: 8.2/10 56
  • IMDb: 8.0/10
Bewertungen von IMDb werden zuletzt vor dem Festival aktualisiert, falls verfügbar!
© Fantasy FilmFest Archiv 2020-09-20 07:28

Archiv Suche


oder ?