s Bomb City (2017) Review - Fantasy FilmFest Mobil
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Reviews Bomb City

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Reviewer

Alexander * 7.5

No Future

„Oh when there's no future
How can there be sin
We're the flowers
In the dustbin
We're the poison
In your human machine“
        Sex Pistols (prägende Punk Band der 70er)

Bomb City ist pures, reines, feinstoffliches Drama mit glaubwürdigen Charakteren, und in Anlehnung an wahre Begebenheiten erzählt, deren ganze Tragweite einem erst am Ende der in Rückblenden erzählten Geschichte klar wird. Der Film ist gewissermaßen auch eine Sozialstudie der Punk-Kultur, die ihren Höhepunkt zwar bereits in den späten 70er und 80er Jahren hatte, deren Anhänger und Musik es aber auch heute noch gibt. Im Mittelpunkt steht der amerikanische Punker Brian, der von Dave Davis ausgesprochen sympathisch und überzeugend dargestellt wird, und dem man trotz seiner „No Future“ - Allüren nicht wirklich böse sein kann, auch wenn man zu Punk ein ambivalentes Verhältnis haben sollte.

Der Culture Clash zwischen von unterschiedlichen Musikstilen und Überzeugungen geprägten Jugendgruppen, seien es nun die aufeinander treffenden Mods & Rocker im legendären „Quadrophenia“, oder die Gangs in der „West Side Story“, sind nicht ganz neu und werden in den Filmen der Pop Kultur immer wieder gerne zitiert. „Bomb City“ greift dieses mittlerweile sehr alte Thema erneut auf und transportiert es in unsere aktuelle Zeit, bildet die Gefühle und Ideale der Punkbewegung dabei so großartig ab, das man sich als ehemaliger Freund von Anhängern des Punk & New Wave fast gewünscht hätte, den Film 30 Jahre früher gesehen zu haben.

Brians ausgeprägte Punk-Attitüde, gepaart mit einem extremen Outfit und krawalliger Musik, führt natürlich zwangsläufig zu Reibereien mit den „sauberen“ Jungs aus der Nachbarschaft und testet die Toleranzbereitschaft, insbesondere derer, die sich für etwas „Besseres“ halten und die die versifften Punker weder verstehen noch akzeptieren möchten, sondern nur noch verachten, bis an ihre Grenzen aus…

In Anlehnung an eine immer häufiger geführte Diskussion über die Akzeptanz von Minderheiten in unserer Gesellschaft, kann dem Film natürlich eine gewisse Doppelmoral angedichtet werden. Denn zum Punk wirst Du nicht gezwungen. Als Punker wirst Du nicht geboren, Punk möchtest Du sein, und als Punk ist man sich in unserer aalglatten Gesellschaft normalerweise bewusst, das solches Verhalten auf Ablehnung, Hass & Aggression stoßen wird, was insbesondere auf die Bürger so manch stockkonservativer Kleinstadt in den USA zutreffen mag, für deren biedere Gesellschaft Punk nichts anderes ist als offene Provokation & Aggression, was in „Bomb City“ auch messerscharf herausgearbeitet wird.

Alle Personen in diesem Drama sind hervorragend charakterisiert und werden mit viel Gefühl und Emotion glaubhaft gespielt. „Bomb City“ erzählt seine Geschichte in wirklich starken Bildern, spitzt sich dramaturgisch langsam aber erbarmungslos zu ***SPOILER***und gipfelt in einem traurigen Ende mit Garantie für einen Kloß im Hals. Ein für das FFF vielleicht ungewöhnlicher, aber nicht unpassender und wirklich guter Film.

D.S. * 8.5

Time Bomb

Jameson Brooks‘ handwerklich beeindruckendes und inhaltlich extrem bewegendes Debüt BOMB CITY erzählt die wahre Geschichte des Mordes an Brian Deneke sowie des darauffolgenden Justizdramas nach – und hält sich dabei bis ins Dialog-Detail an Berichte damaliger Augenzeugen. Wir haben es hier jedoch nicht mit einer spröden, Doku-ähnlichen Aufbereitung der Geschehnisse zu tun, sondern im Gegenteil mit einer äußerst energiegeladenen, lebendigen, bisweilen sehr rauhen Erzählung, die selbstbewusst die Perspektive des Opfers einnimmt und uns in seine Lebenswelt transportiert: Amarillo, Texas, 1997; eine konservative Kleinstadt, deren Bewohner mehrheitlich fundamentalchristlich geprägt und allem Andersartigen gegenüber feindlich gesinnt sind. Zusammen mit seinem Bruder und ein paar Freunden versucht Brian, sein eigenes Ding zu machen und eine Alternative zur „braven“ Welt aufzubauen, die ihn umgibt – er organisiert Konzerte, singt in einer Punkband und arbeitet am „Dynamite Museum“ mit, einem gewaltigen Open-Air-Kunstprojekt.

Genervt von der Enge und Engstirnigkeit seiner Umgebung, gerät er immer wieder in Konflikte sowohl mit der Staatsgewalt als auch mit den typischen Jocks, die auch in Amarillo das Sagen haben. Und Brian sowie seine Freunde nur zu gerne spüren lassen, als was sie sie betrachten: minderwertigen menschlichen Müll, mit dem man aufräumen muss...

Auch, wer die wahre Geschichte nicht kennt (und das Programmheft nicht gelesen hat), ahnt schnell, worauf das Ganze hinausläuft. Hinauslaufen muss. Das macht es jedoch nicht weniger wirksam, berührend, krass. Man entwickelt viel Empathie für die Figuren, denn sie sind nicht nur äußerst lebensnah gezeichnet, sondern auch gespielt, wobei neben Dave Davis in der Hauptrolle insbesondere Lorelei Linklater (BOYHOOD) als sein Love Interest Rome überzeugt. Tatsächlich ist BOMB CITY dadurch einer der wenigen Filme über eine Jugendkultur, der sich völlig authentisch anfühlt. Vor allem aber erreicht das Geschehen ein solches Ausmaß an Dramatik und mündet in Momenten von so großer emotionaler Wucht, dass ich persönlich irgendwann glatt den Tränen nahe war.

Vergleichbar ist der Film allerhöchstens mit dem thematisch verwandten SLC PUNK von 1998, im Gegensatz zu jenem verschwendet er jedoch keine Zeit auf Belanglosigkeiten, deplatzierten Humor oder schräge, erfundene Nebenfiguren. BOMB CITY fühlt sich an wie die Filmversion einer Uhr, die unbarmherzig einen Countdown auf eine Katastrophe hin heruntertickt. Unglaublich intensiv, tempogeladen, hart und wirklich, wirklich bitter. Für mich eine der ganz großen Überraschungen bisher; bewegt, tut weh, hinterlässt Spuren. 8,5 Punkte.

goutierte im Harmonie, Frankfurt

Leimbacher-Mario * 8.5

Schrei nach Hiebe

"Bomb City" handelt von einem Punker und einem Gerichtsverfahren, ein wahrer Fall. Mehr will ich nicht verraten. Denn wenn man nichts über den Vorfall und das Leben dieses jungen Mannes weiß, dann lässt einen das Punker-Drama lange Zeit im unklaren, freien Fall. Doch auch wenn man (wie ich) vorher gespoilert wurde, sei es durch Texte, Trailer oder die eigene Neugier, funktioniert dieser pessimistische, traurige Feuerball von Film noch immer. Lange hat man das gewalttätige, unfaire und oft ausweglos-aggressiv scheinende Herz der U.S.A. nicht mehr dermaßen entblößt und implodieren lassen. Und manch eines der Zuschauer gleich mit.

Passend zu seinem Titel - explosiv und aufwühlend, zeitlos und brutal, vernichtend und endgültig. Viel mehr als nur Punker gegen Footballer, viel mehr als nur links oder rechts - eher ein äußerst humanes und mahnendes Denkmahl. Simpel und effektiv. Unterlegt mit unendlich Wut im Bauch und Gerechtigkeit im Sinn. Etwas mehr Fingerspitzengefühl, ein paar feinere Schattierungen von "Gut und Böse" sowie eine kreativere Regie hätten das kraftvolle Ding in noch höhere Sphären gehievt. Ziemlich unvergesslich ist er jedoch auch so. Vom dröhnenden Soundtrack über engagierte Jungdarsteller bis zu seinem packenden Spannungsaufbau - es wurde genug richtig gemacht, um dem amerikanischen Volk (und leider auch der menschlichen Rasse allgemein) mit Wucht in den Bauch zu schlagen. Denn nur diese Sprache scheinen wir zu verstehen. Erst recht in einer ausweg- und ziellosen Welt wie dieser.

Fazit: trotz Dampfhammermethode und einseitiger Betrachtung - eine emotionale Abrissbirne und ein sofortiger Punk- sowie Americana-Classic. Über, von, mit Gewalt. Kracht über einem zusammen als ginge die Welt unter. Eines der unbändigeren und klarsten Regiedebüts der letzten Jahre.

staunte im Residenz, Köln

Herr_Kees * 5.0

Anarchy in Armadillo

Zu Beginn des Films verliest ein Anwalt bei der immer wieder dazwischengeschnittenen Gerichtsverhandlung eine Definition des Begriffs „Punk“ aus Webster‘s Dictionary, nachdem es sich um eine Art Gangstersynonym handelt. Was Punk wirklich ist und für die Protagonisten bedeutet, bleibt leider während des gesamten Films ungeklärt.

Die Punks werden schlicht als partyfreudige Herumlungerer portraitiert, während die „Jocks“ als aggressive Kirchgänger aus gutem Hause dargestellt werden. Wahre Geschichte schön und gut – etwas mehr Differenzierung hätte dem Film hier gut getan, anstatt nur bekannte Klischees zu festigen. Aber BOMB CITY wähnt sich so im Recht, dass er vergisst, dass zu einem Konflikt immer zwei Seiten gehören. Das hier ist jedoch eher "preaching to the converted".

Auch ist der Film selbst keineswegs „Punk“, sondern ein sehr konventionell erzähltes Gangdrama, ja selbst auf der Tonspur wird viel zu selten eine härtere Gangart eingeschlagen. So verpasst es der Film in mehrerlei Hinsicht, eine Jugendkultur zu portraitieren und sie damit vielleicht dem einen oder anderen Zuschauer nahezubringen, anstatt sich nur auf seine „True Crime“-Story zu fokussieren.

war im Metropol, Stuttgart

Dr_Schaedel * 7.0

Let's have a war

Eins vorweg: BOMB CITY (der Titel hat nichts mit der Handlung zu tun, sondern spielt auf den Schauplatz Amarillo, Texas, an, zu dessen größten Arbeitgebern die dort ansässige Atomwaffenindustrie gehört) zählt sicher zu den gelungeneren Filmen über die Punk-Szene in den USA. Zwar etwas cleaner als Penelope Spheeris' SUBURBIA (1984), aber respektvoller als Alex Cox' REPO MAN (ebenfalls 1984), der die Punks eher als tumbe, aber liebenswerte Knallköpfe darstellte, zeichnet BOMB CITY sicher kein komplett unrealistisches, wenngleich ebenfalls mitunter kitschiges Bild der US-Punk-Szene, die sich von der euopäischen in der Tat darin unterscheidet, dass man dort eher Gang-artige Strukturen vorfindet, während sich die Szene auf unserem Kontinent doch eher durch Lethargie, Vereinzelung und Selbstunbrauchbarmachung auszeichnet.

Leider nimmt sich der Film erst einmal eine Dreiviertelstunde Zeit, die Punks als die "noble savages" einzuführen. Recht kumpelig geht es zu, ständig wird ge-hi-fived, man liebt Kinder und Hunde, lebt in Harmonie mit den Eltern (die doch zur geschmähten, dumpfen middle-class gehören), Regelübertretungen und Kleinkriminalität werden regelrecht hochstilisiert, und natürlich nimmt niiiieemand Drogen oder hat einen an der Waffel, außer dem Heißsporn Ricky.
Das ist umso mehr nerviger, als man in der Zeit zum Beispiel ein bisschen mehr über die Figur des (realen) Brian Deneke hätte sprechen können, und zwar nicht nur in seiner Eigenschaft als Punk, sondern auch als Pionier subversiver Street Art in den späten 1990ern.

Die Highschool-Kids werden auf der anderen Seite schnell als konsumgeile, durchtriebene Poser eingeführt. Nein, so einfach ist es auch nicht, Mr. Brooks! Vor allem nicht, wenn man einen wahren Fall erzählen will und über Gerechtigkeit und Gleichheit schwadroniert. Und wenn zunächst aus dem Off und dann im Bild der an sich durchaus nicht dumme ***SPOILER***Marilyn Manson über den Fall spricht, schießt er ebenfalls etwas am Thema vorbei, wenn er von einer Art Hatecrime spricht, wohingegen der Plot eher von einer Eskalation von Gewalt und Gegengewalt berichtet, wo sich dann niederste Triebe Bahn brechen, wenn die Gelegenheit günstig ist.

Tja, was gibt’s noch zu sagen? Ein sicherlich spannendes und nicht sehr optimistisches Jugend- und Gerichtsdrama, bei dem auch wieder die Frage nach der Berechtigung der Platzierung auf dem FFF erlaubt sein muss. Denn auf phantastische Art verfremdet ist hier nichts, und wirklich in seinen Grundzügen weird ist hier auch nichts. Daher danke fürs Zeigen, aber nächstes Jahr will ich einmal ein wenig abseitigere Geschichten zur harten Musik haben.

glotzte im Cinecitta', Nürnberg

landscape * 8.0

Zu viel zwischen den Zeilen

Dieses Dokudrama ist ambitioniert, versucht die Punks vielschichtig auszuleuchten und als Menschen darzustellen, ist mir aber etwas zu beliebig und folgt dem aktuellen TV-Trend, "authentische" Interview-Szenen immer mal wieder einzustreuen. Dass die Hauptfigur ein jetzt noch gefeiertes Kunstprojekt geschaffen hat, wird nur angerissen, und etwas mehr Punk statt Drama-Score hätte auch sehr gutgetan. Der Abspann zeigt, dass da mehr in der Konserve war…
Wie sich die beiden Lager aufgeschaukelt haben und wie in der heißen Nacht alles eskalierte, wie das Verfahren und die Plädoyers gelaufen sind, das wird packend dargestellt und macht den Film sehenswert.

war im Savoy, Hamburg

38 Bewertungen auf f3a.net

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Bewertungen

Bomb City
  • Score [BETA]: 74
  • f3a.net: 7.5/10 38
  • IMDb: 6.9/10
  • Rotten Tomatoes: 88%
  • Metacritic: 62/100
Bewertungen von IMDb, Rotten, Meta werden zuletzt vor dem Festival aktualisiert, falls verfügbar!
© Fantasy FilmFest Archiv 2019-09-19 16:46

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