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Review Observance

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Ich sehe was, was du nicht siehst
von D.S.

Ich liebe Kino, das den Zuschauer fordert. Das ihm nicht immer eine klare Antwort auf alle Fragen serviert, das ihn zu eigenständiger Interpretationsarbeit nötigt, das von ihm erwartet, mitzudenken, aufzupassen – und genau hinzusehen. Das macht OBSERVANCE in ultimativer Weise. Ein Film, bei dem es ja bereits im Titel um eben dieses genaue Hinsehen, um das Beobachten und Analysieren geht. Bei dem sich allerdings schnell herausstellt, dass das alleine nicht reicht. Da deutlich wird, dass das, was wir gemeinsam mit der Hauptfigur sehen, nicht unbedingt die gesamte (?) Wirklichkeit (??) ist. Da sich die Grenzen zwischen Sinneswahrnehmung und -täuschung, zwischen Realität und Halluzination unmerklich immer weiter verschieben.

In atmosphärischer Hinsicht ist OBSERVANCE dabei ein kleines Juwel. Das verfallene Loch von Abbruchwohnung, aus dem heraus Privatdetektiv Parker für einen mysteriösen Auftraggeber eine junge Frau im Apartment gegenüber observiert, verwandelt sich Schritt für Schritt in einen alptraumhaft lebendigen Organismus; die Kameraarbeit, das Spiel mit Licht und Schatten sowie insbesondere das expressive Sounddesign lassen den Wahn immer spürbarer werden, in dem Parker zu versinken droht, während um ihn herum die unerklärlichen Geschehnisse überhand nehmen.

Leider sind sie anscheinend wirklich unerklärlich, soll heißen: der Film gibt uns keinerlei verlässliche Mittel und Maßstäbe an die Hand, um das Geschehen auf der Leinwand zu dechiffrieren. Was hier tatsächlich passiert, warum und mit welchen Folgen – all das bleibt letztendlich vollkommen unserer eigenen Einschätzung überlassen. Und ich meine vollkommen. Ich alleine habe schon drei verschiedene Theorien über die Handlung entwickelt; über Parkers Auftraggeber, seine Beweggründe, Parkers tatsächliche Funktion... und es gibt valide Hinweise für die Richtigkeit von allen dreien, aber keine deckt sämtliche angedeuteten oder explizit formulierten Implikationen der verschiedenen Handlungselemente vollständig ab.

Darüber hinaus ist mir nicht klar, ob dieses Vorgehen von Joseph Sims-Dennett, Regisseur, Drehbuchautor und Produzent in Personalunion, bewusst so gewählt wurde. Ob er OBSERVANCE als surreales Kammerspiel in David-Lynch-Tradition angelegt hat, das einfach maximal verunsichern und verstören soll. Oder ob er schlichtweg irgendwann die Distanz zu seinem Projekt verloren hat und der Meinung war, er habe dem Publikum am Ende ausreichend eindeutige Hinweise zur Entschlüsselung des Gesehenen an die Hand gegeben.

Man muss demzufolge absolut gewillt sein, den Kinosaal mit großen Fragezeichen auf der Stirn zu verlassen, wenn man OBSERVANCE etwas abgewinnen möchte. Dann allerdings ist die Sichtung trotz allem durchaus zu empfehlen, da er – wie erwähnt – eine extrem faszinierende, halluzinative Atmosphäre entwickelt. Nicht unähnlich den frühen Storys von Paul Auster. Und damit auf jeden Fall ein Erlebnis, wie man es nicht an jeder Ecke findet. Für mich insgesamt aber doch eine Spur zu unbefriedigend – deshalb nur 6,5 Punkte.

verweste im Cinestar, Frankfurt

44 Bewertungen auf f3a.net

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Bewertungen

Observance
  • Score [BETA]: 60
  • f3a.net: 4.6/10 44
  • IMDb: 7.4/10
Bewertungen von IMDb, Rotten, Meta werden zuletzt vor dem Festival aktualisiert, falls verfügbar!
© Fantasy FilmFest Archiv 2020-01-18 00:53

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